Kleines Memento...
Guten Tag!
Üblicherweise lesen Sie in der Zeitung von mir; ich beherrsche gerne die Frontseite, habe aber auch eine feste Rubrik, wo ich meine Anzeigen schalte.
Ja, ich bin der Tod. Und ich komme zu allen. Bei den einen überrascht das nicht, denn sie sind schon alt und krank. Das ist dann gewissermassen ein Abholdienst, ein Termingeschäft – nicht weiter spektakulär.
Bei den anderen allerdings sorge ich jeweils für eine ziemliche Schau, denn sie stehen mitten im Leben, wie man so schön, aber eben auch falsch sagt, denn wo keine zweite Hälfte mehr kommt, war auch nicht die Mitte...
Diese abrupten Finale sind nicht leicht zu verstehen, einverstanden. Aber lassen Sie mich Ihnen bitte sagen, was für mich unverständlich ist: Wie Sie, wo Sie doch über meine Launenhaftigkeit Bescheid wissen, sich all Ihre eigenen Launen leisten; wie Sie ganze Tage, ja Jahre in Missmut, Furcht und Zweifel vertun und sich über tausend Kleinigkeiten ärgern können, die nächste Woche wieder vergessen sind.
Ich kann nicht verstehen, weshalb der Mensch so mit seiner Zeit umgeht, die ihm ja in unbekanntem Masse geschenkt ist, von der er aber stets glaubt, sie stünde ihm noch jahrzehnteweise zur Verfügung. Und so vertrottelt er sein ganzes Leben: Mit Freunden, die ihm nicht gut tun. Mit Arbeit, die ihn nicht glücklich macht. Mit dunklen Gedanken, die ihm die Seligkeit vermiesen, mit Halbheiten in der Liebe und mit dem dummen Fernsehen.
Stehe ich dann aber eines Tages in seiner Türe und fordere ihn stumm zu seinem letzten Spatziergang auf, geht das Geschrei los: Wieso ich?! Wieso jetzt?! Und ich antworte jedes Mal: Nun, hätten Sie Ihr Leben im Bewusstsein verbracht, dass es jederzeit enden kann, ja dass es überhaupt ein Ende hat, dann hätten Sie sich voller Dank an seiner Herrlichkeit erfreut. Gründe dafür hatten Sie genug, und dann wäre diese Angelegenheit hier jetzt auch kein Problem.
Dann blicken die Leute zurück und sehen, wie viel Helles und Gutes und Schönes sie erfahren, aber nicht gewürdigt haben, weil sie damit beschäftig waren, alles mögliche schlecht zu finden. Und dann tut es ihnen leid, und sie hätten gern noch etwas Zeit, aber wo ich bin, ist keine Zeit mehr.
Vielleicht erinnern Sie sich ja an mich, wenn Sie das nächste Mal über etwas klagen, das Sie genauso gut einfach hinnehmen könnten, und wenden Ihren Blick zu einem Baum. Denn ich verspreche Ihnen: Es wird der Tag kommen, an dem Sie zum letzten Mal einen sehen.
Hochachtungsvoll,
der Tod
(26.12.11)
